Elektrotherapie

Strom spielt eine wesentliche Rolle in der Physikalischen Therapie.

Definition:

Elektrischer Strom ist die gerichtete Bewegung von elektrischen Ladungen in leitfähigen Materialien.

  • Bei Leitern erster Art wird der Ladungstransport von negativ geladenen Elektronen übernommen (z. B. metallische Leitungen).
  • Bei Leitern zweiter Art bewegen sich gleichzeitig positive und negative Ionen (z. B. in Wasser gelöste Salze).

Der menschliche Organismus kann als Leiter zweiter Art betrachtet werden, in dem geladene Atome oder Moleküle vorhanden sind, falls ein elektrisches Feld vorhanden ist. Positive Ionen wandern zum negativen Pol, negative Ionen zum positiven Pol. Die Größe des Stroms hängt von der Potentialdifferenz und dem elektrischen Widerstand des Leiters ab.

Strom = Potentialdifferenz / Widerstand   (Ohm’sches Gesetz)

Daraus resultierend gilt, dass in gut leitendem Gewebe größere Ströme fliessen. Im menschlichen Körper wird der Widerstand z. B. von den Knochen (hoher Widerstand), der Muskulatur (niedriger Widerstand), der schlecht leitenden Hornschicht der Haut gebildet.

Wirkung:

Die Wirkung des Stroms hängt von der Stromdichte ab, die wiederum von der Elektrodengröße und der Strommenge bestimmt wird. Unter einer kleineren Elektrode findet sich eine höhere Stromdichte wie unter einer großen. Aufgrund der verschiedenen physiologischen Wirkweisen wird in der Elektrotherapie zwischen Galvanisation (= Gleichstrom) und Impuls- oder Reizströmen andererseits unterschieden. Diesen beiden Stromformen ist das typische Stromgefühl wie Prickeln und bei größerer Stärke Brennen und Stechen zueigen.

Die dritte Gruppe sind die hochfrequenten Wechselströme, die nicht direkt gespürt werden. Innerhalb dieser Hauptgruppen finden noch Unterteilungen in verschiedene Untergruppen statt.

ELEKTROPHYSIOLOGIE:

In Ruhe befinden sich die physikalischen und chemischen Prozesse an den Membranen erregbarer Zellen im Gleichgewicht. Es herrscht in diesem Zustand eine elektrische Spannung über der Membran, die als Ruhemembranpotential bezeichnet wird. Die Spannung wird durch Ionenkonzentrationen verursacht. Bei einem überschwelligen Reiz kommt es zur Auslösung einer Erregung mit den wesentlichen Merkmalen der Depolarisation. In der Folge wird durch eine weitere Verschiebung der Ionen die Repolarisation eingeleitet und schließlich stellt sich das Ruhemembranpotential wieder ein.

Wirkung des Stroms auf den Organismus:

Zusätzlich zu den aufgeführten Bewegungen von Ionen und damit Änderungen des Elektrolytmilieus sowie der Verschiebung des Membranpotentials in Richtung einer Hyper- oder Depolarisation kommt es zur Reizung von Rezeptoren durch Gleichstrom oder durch elektrische Impulse. Die Auslösung der Aktionspotentiale führt zur Erregungsfortleitung und sensiblen Empfindungen bzw. Muskelkontraktionen. Die Erwärmung des Gewebes findet therapeutischen Niederschlag in den Hochfrequenzformen. Als indirekte Wirkung lassen sich Hyperämisierungen, Resorptionsförderung, Trophikverbesserung sowie antiphlogistische Effekte nachweisen.

Direkte WirkungIndirekte Wirkung
Bewegung von LadungsträgernSteigerung der Hyperämie
Reizung von RezeptorenVerbesserung der Trophik
Verschiebung MembranenpotentialAntiphlogistische Wirkung
Erwärmung des GewebsFörderung der Resorption

 

Allgemeine Behandlungsrichtlinien:

Die Elektrotherapie erfüllt nur dann optimal ihren Zweck, wenn sie der Erkrankung, dem Krankheitsstadium sowie der persönlichen Reaktion des Patienten angepasst ist. Die ärztliche Verordnung muss neben der exakten Diagnose die Lokalisation des Krankheitsprozesses sowie die gewünschte Wirkung enthalten.

Dosierung:

  • akute Krankheitsbilder erfordern niedrige Stromstärken mit kurzer Dauer, Serie und Intervallen.
  • chronische Stadien benötigen höhere Stromstärken in längerer Zeiteinheit, längerer Serie sowie längeren Intervallen
  • subchronische bzw. subakute liegen dazwischen.

Stromformen:

Gleichstrom:

Galvanischer Strom, Iontophorese Niederfrequenz < 1000 Hz:

  • Faradischer Strom/Schwellstromstimulation
  • TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation)
  • Expotentialstrom
  • diadynamischer Strom
  • Ultrareizstrom
  • Hochvoltimpulsstrom

Mittelfrequenz (1000 Hz bis 1000 kHz):

  • Interferenzstrom nach Nemec

Hochfrequenz (über 1000 kHz):

  • Kurzwelle
  • Dezimeterwelle
  • Mikrowelle

Indikationen:

Erkrankungen des Bewegungsapparates (Muskeln, Sehnen, Knochen, Gelenkkapseln, Bänder)

a) degenerativ:

  • Arthrosen
  • Chondrosen
  • Osteochondrosen
  • Sehnenverkalkungen
  • Ischialgie

b) Reizzustände an den Strukturen des Bewegungsapparates:

  • Lumbago
  • Sehnenscheidenentzündungen
  • Epikondylitis

c) traumatisch:

  • Distorsionen
  • Kontusionen
  • Pseudoarthrosen
  • Myalgien
  • Muskelatrophien ohne neurologische Schädigung

Kontraindikationen:

  • akute Entzündungen (lokal, systemisch)
  • arterielle Verschlusskrankheit Stadium II bis IV nach Fontaine
  • allgemeine Infektion
  • Tumoren
  • Thrombosen, Gefahr von Embolien, Thrombophlebitis
  • Herzschrittmacher
  • Metallimplantate im Stromgebiet
  • Zusätzlich für das hydrogalvanische Vollbad:
  • ausgeprägte oder dekompensierte Herzinsuffizienz
  • pulmonale Hypertonie
  • Cor pulmonale
  • Hautdefekt